Stadtführer stellen rätselhafte Berliner Orte und ihre Geschichten vor

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Auf den ersten Blick haben die verwitterte Grunewalder Villa in der Wangenheimstraße 37/39, das Gartenreich Dessau-Wörlitz und das Steglitzer Schlosspark Theater rein gar nichts miteinander zu tun, aber das täuscht. Die Grünanlage der Anfang des vorigen Jahrhunderts für den Zahnzementfabrikanten Otto Hoffmann erbauten Villa, noch mit der originalen Wegeführung und wie das spätklassizistische Haus denkmalgeschützt,…

Stadtführer stellen rätselhafte Berliner Orte und ihre Geschichten vor
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Auf den ersten Blick haben die verwitterte Grunewalder Villa in der Wangenheimstraße 37/39, das Gartenreich Dessau-Wörlitz und das Steglitzer Schlosspark Theater rein gar nichts miteinander zu tun, aber das täuscht. Die Grünanlage der Anfang des vorigen Jahrhunderts für den Zahnzementfabrikanten Otto Hoffmann erbauten Villa, noch mit der originalen Wegeführung und wie das spätklassizistische Haus denkmalgeschützt, hatte der Gartenarchitekt Hans Hallervorden entworfen.

Der wurde 1920 Gartendirektor in Wörlitz und verhinderte unmittelbar nach der Reichspogromnacht die Zerstörung der zum Schlossgarten gehörenden Synagoge, woraufhin er seine Stelle verlor. Nach dem Krieg bekam er sie für zwei Jahre zurück, 1965 starb er in Berlin. Und das Schlosspark Theater? Nun, was Hans Hallervordens Enkel Dieter damit zu tun hat, ist hinlänglich bekannt.

Berlin steckt voller Geschichten wie dieser, birgt unzählige Zusammenhänge, von denen man nichts ahnt, Rätsel, deren unverhoffte Lösung den an seiner Stadt Interessierten oder auch ihren wissensdurstigen Besucher stets aufs Neue fasziniert. Professionell betreiben diese Aufklärung unter anderem die Anbieter von Stadtführungen, die das Befriedigen stadthistorischer Neugier zu ihrem Beruf gemacht haben. Der liegt nun aber wie so vieles in der Stadt wegen Corona seit Monaten brach.

Seit Anfang November, schon vor Beginn des aktuellen Lockdowns, seien keine Führungen mehr möglich gewesen, und auch in den Sommermonaten habe es sie nur begrenzt gegeben, mit hohen Sicherheitsstandards und in kleinen Gruppen, klagt Jörg Zintgraf, Geschäftsführer der seit fast 40 Jahren in Berlin umtriebigen StattReisen.

Hoffnung auf eine baldige Rückkehr von Schulklassen, der traditionellen Hauptkundschaft, hat er nicht. Er setzt, wenn Führungen doch mal wieder, vielleicht ab 7. März, möglich sind, vorerst auf die Berliner Stammkundschaft, gebe es doch viele Einheimische, die auf diese Weise ihnen unbekannte Stadtteile oder Phasen der Berliner Geschichte kennenlernen wollten.

Jörg Zintgraf, Geschäftsführer von StattReisen.

Jörg Zintgraf, Geschäftsführer von StattReisen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Immerhin haben von den rund 30 Stadtführerinnen und Stadtführern Zintgrafs viele ein weiteres berufliches Standbein, aber ihr Wissen liegt nun mal ungenutzt herum, die Neugier und der Spaß, die sorgfältig angesammelten Berliner Geschichten zu teilen, bleiben unbefriedigt. Zum Glück neuerdings nicht ganz, dank des StattReisen-Projekts „unSICHTBAR“, das die gewohnte Stadtführung punktuell ins Virtuelle transformiert.

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Die Neugier richtet sich diesmal auf „Orte in Berlin, denen wir im Alltag keine Aufmerksamkeit schenken, die aber viel zu erzählen haben“, wie Zintgraf es beschreibt. Es sind geschichtsträchtige Ecken in der Stadt, die irgendwie aufgefallen sind, neugierig gemacht haben, deren Geschichte vielleicht schon recherchiert wurde, ohne dass sie aber Eingang in eine Stadtführung gefunden hätten. Im Blog „unSICHTBAR“ kommen sie nun doch zu den verdienten Ehren, werden gratis mit Fotos und ihren Geschichten vorgestellt – ein Projekt mit offenem Ende, an dem sich bislang zehn Mitglieder aus dem Stadtführungsteam beteiligen, Tendenz steigend.

Pro Woche sollen zwei neue Orte dazukommen, die Interessierte einfach nur zur Kenntnis nehmen können – oder aber zum Anlass, sich auf den Weg zu machen, um das virtuell erworbene Wissen an der Realität zu erproben, selbst Neues zu entdecken.

Nach den ersten sieben Folgen wurde nun auch das Geheimnis des grünen Ampelmännchens gelüftet, das seit 2015 auf dem Areal der Hessischen Landesvertretung In den Ministergärten 5 steht. Mit seinen dreieinhalb Metern eigentlich ein ausgewachsener Ampelmann, Teil eines vom hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier als Bundesratsvorsitzendem zur Feier von 25 Jahren deutscher Einheit beim Künstler Ottmar Hörl in Auftrag gegebenen Kunstprojekts. Mit der Frage nach dem Standort des grünen „Einheitsmännchens“ war der Blog eröffnet worden.

Der XXL-Ampelmann auf dem Areal der Hessischen Landesvertretung.

Der XXL-Ampelmann auf dem Areal der Hessischen Landesvertretung.Foto: Jörg Zintgraf/StattReisen Berlin

Nicht immer kommt Berliner Geschichte dergestalt knallbunt und im XXL-Format daher. Wie beispielsweise ist ein verwitterter Grabstein in die kleine Grünanlage der 1999 eröffneten, im Winkel zwischen Chausseestraße und Hannoverscher Straße gelegenen „Katholischen Höfe“ geraten?

Er erinnert an die nicht näher bekannte Antoinette Weiss, geb. Biancone, die 1805 mit nur 27 Jahren starb – und zugleich an den früheren Friedhof der katholischen Domgemeinde St. Hedwig, der einst an den berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof und den Französischen Friedhof grenzte.

Der Gottesacker wurde 1878 geschlossen, prominente Tote wurden umgebettet, Gräber eingeebnet – nur Antoinette Weiss blieb: Ihre Grabstätte war für 100 Jahre erworben worden und wurde nun einfach in die neue Bebauung integriert, zierte zuletzt die Lesehalle eines Buchladens. Erst 1908 musste auch ihr Grabstein auf den St. Hedwig-Friedhof IV in Reinickendorf umziehen, kehrte 2007 aber zurück, „zur Erinnerung an den ersten katholischen Friedhof nach der Reformation in Berlin“, wie die Stadtführerin Stephanie Kissel in ihrem Blogbeitrag schreibt.

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Die „unSICHTBAR“-Orte verteilen sich übers ganze Stadtgebiet. Das als Drehort von „Babylon Berlin“ bekannt gewordene ehemalige Stummfilmkino „Delphi“ in Weißensee ist ebenso dabei wie die Charlottenburger Dovebrücke, das im selben Bezirk in der Kohlrauschstraße gelegene ehemalige „Deutsche Arbeitsschutzmuseum“, eine von Street Art, Plakaten, Graffiti und simplen Schmierereien zugepflasterte Kreuzberger Hauswand in der Reichenberger/Ecke Forster Straße – oder aber die Villa Hoffmann in Grunewald, deren Geschichte Marianne Mielke für StattReisen erkundet hat und die mit der Hallervorden-Verbindung bei Weitem nicht auserzählt ist.

Der Grabstein von Antoninette Weiss.

Der Grabstein von Antoninette Weiss.Foto: Stephanie Kissel, StattReisen Berlin

Das vom Regierungsbaurat Ludwig Otte entworfene Gebäude – von ihm stammt auch das Gebäude des Wissenschaftskollegs in der Charlottenburger Wallotstraße 19 – ist weiter im Besitz der Familie Hoffmann. Es wird vom Enkel Tobias und seiner Frau Yvonne bewohnt, die dem vom Großvater gegründeten, heute als Hoffmann Dental Manufaktur firmierenden Tempelhofer Unternehmen geschäftsführend vorstehen. Dessen Logo ziert Otto Hoffmanns Kopf mit seiner Barttracht im Stil der Kaiserzeit, man legt dort offenbar viel Wert auf Tradition.

Gelegentlich fanden in der Villa auch Kunstausstellungen statt, und bis vor einem Jahr war im Souterrain das Intendantenbüro der Berliner Symphoniker untergebracht. Sogar der Gothic-Musiker Marilyn Manson hatte am morbiden Charme des marode wirkenden Gebäudes Gefallen gefunden und sich im April 2007 kurzzeitig eingemietet, um dort sein sechstes, locker an Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ angelehntes Studioalbum „Eat me, drink me“ vorzustellen. Schon der Eröffnungssong stimmte auf das düstere Werk ein: „If I Was Your Vampire“.

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