Infektionsketten: Luca-App verändert die Art des Corona-Tracings

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Düsseldorf, Berlin Es gibt viele Diskussionen um die Corona-Warn-App des Bundes: Sie helfe nicht effizient bei der Kontaktnachverfolgung, sagen Kritiker. Genau da setzen private Anbieter an – und einer drängt ganz besonders nach vorn: die App Luca. Sie könnte nun sogar bundesweit von den Gesundheitsämtern eingesetzt werden: Bund und Länder wollen sich am Montag für…

Infektionsketten: Luca-App verändert die Art des Corona-Tracings
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Düsseldorf, Berlin Es gibt viele Diskussionen um die Corona-Warn-App des Bundes: Sie helfe nicht effizient bei der Kontaktnachverfolgung, sagen Kritiker. Genau da setzen private Anbieter an – und einer drängt ganz besonders nach vorn: die App Luca. Sie könnte nun sogar bundesweit von den Gesundheitsämtern eingesetzt werden: Bund und Länder wollen sich am Montag für den bundeseinheitlichen Einsatz einer neuen App entscheiden, wie Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) am Donnerstag erklärte.

Dabei werden der App Luca große Chancen zugeschrieben – auch weil sie ein neues Konzept verfolgt, das die Art der Pandemiebekämpfung noch einmal stark verändern könnte.

„Superspreader“ verteilen das Virus etwa auf Feiern, bei Busfahrten oder in Büros. Diese bilden sogenannte Cluster, Hotspots. Können diese Cluster in den Kontakten von Infizierten schnell nachvollzogen werden, müssen sie vom Gesundheitsamt priorisiert untersucht werden, sagt das Robert Koch-Institut (RKI).

Das Problem: Die Behörden kennen diese Cluster nicht. „Wir haben in Deutschland viel zu wenig bis gar keine Cluster-Identifizierung“, betont SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Das Problem ist unter anderem die Software vieler Gesundheitsämter, mit der sie gar nicht in der Lage sind, Cluster zu erkennen. Sie nehmen viele Daten wie zum Beispiel den Namen des Betriebs oder der Schule nicht auf. Und selbst wenn, ist es schwierig, sie übereinanderzulegen. Weil der Name des Unternehmens etwa nicht immer gleich geschrieben wird. Deswegen findet Cluster-Identifizierung mit Ausnahme einiger Schulklassen nicht statt.“

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Und genau dieses Problem verspricht Luca zu lösen.

„Contact-Tracing, Contact-Tracing, Contact-Tracing. Man kann es einfach nicht oft genug sagen, wie wichtig es ist, Kontaktketten systematisch nachzuvollziehen“, erklärt der Musiker Smudo, Mitglied der „Fantastischen Vier“, im Gespräch mit dem Handelsblatt. „Man muss den finden, der die anderen infiziert hat.“ Seinem Einsatz für Luca wird oftmals ein großer Teil des Erfolgs der App zugeschrieben.

Die „Fantastischen Vier“ gehören zum Team der im August 2020 neu gegründeten Culture4life GmbH, die Luca entwickelt hat und zu der auch der Softwareanbieter Nexenio gehört. Die Cluster erstellt Luca, indem die Nutzer sich an den Orten, an denen sie sich bewegen – Restaurants, Büros, Museen, aber auch bei privaten Treffen –, mit dem Scannen eines QR-Codes einloggen. Damit fällt das Ausfüllen des Kontaktdatenzettels weg.

Wettbewerb fordern offene Schnittstelle

Diese digitale Dienstleistung bieten auch andere Apps schon seit Sommer vergangenen Jahres an: Dazu gehören zum Beispiel Barcov, die vom rheinland-pfälzischen Landesverband des Gastroverbands Dehoga unterstützt wird, gastident, Vida und noch einige andere. Einige wehren sich gegen eine starke staatliche Unterstützung von Luca. Die Start-up-Initiative „Wir für Digitalisierung“, die sich für die Digitalisierung der Kontaktdaten einsetzt, sprach sich am Freitag gegen eine einheitliche Lösung aus. „Auch mit Blick auf die Erfahrung mit der Corona-Warn-App, nur zum Scheitern verurteilt sein“, sagte Mit-Initiator Jan Kus, Geschäftsführer von Railslove, die mit der Recover-App eine Luca-Konkurrenz im Markt haben, der Nachrichtenagentur dpa.

Sie fordern eine „kollaborative, offene und gemeinsame Schnittstelle“, damit die Apps sich untereinander austauschen können und die Daten einheitlich an die Gesundheitsämter übermittelt werden können.

Der Musiker zählt zu den Mitentwicklern der App und bringt das Netzwerk für die nötige Öffentlichkeit mit. Quelle: dpa

Smudo

Der Musiker zählt zu den Mitentwicklern der App und bringt das Netzwerk für die nötige Öffentlichkeit mit.



(Foto: dpa)

An dieser Stelle jedoch sticht Luca für die Gesundheitsämter offenbar heraus. Denn die App braucht diese Schnittstelle nicht, sie hat sie schon. „Die App ist nur das, was die Nutzer sehen. Uns geht es um die Nachverfolgung von Infektionen bei den Gesundheitsämtern, die haben auch aufgrund der hohen Zahl immer noch Probleme damit“, erzählt Patrick Hennig, Geschäftsführer von culture4life und CEO von Nexenio. „Es war wichtig, nicht den Zettel zu digitalisieren, sondern die Nachverfolgung der Kontakte und die Meldekette ans Gesundheitsamt.“ Die Gesundheitsämter können auf die Daten sofort zugreifen, ohne sich den Datensatz der zum Beispiel im Restaurant eingesetzten App besorgen zu müssen.

Nexenio hat auch schon vorher Software für Behörden entwickelt. Das System für die Kontaktnachverfolgung sei bei den Gesundheitsämtern vergleichsweise einfach zu implementieren, sagt Hennig. Es ließe sich mit den dort eingesetzten IT-Systemen ohne großen Aufwand kombinieren, sagt er. „Wir haben versucht, die Komponenten so zu wählen, dass es bei den Gesundheitsämtern erlernte Prozesse sind. Eine komplexe IT-Einführung hätte nie so schnell funktioniert.“

Kosten können vom Bund übernommen werden

Wie viel das System kosten wird, ist noch nicht klar, weil es gerade erst in einigen Regionen getestet wird, auf Sylt etwa. Für Anwender ebenso wie Restaurants oder Bars bleibt es kostenfrei – damit liegt der Ball bei den Gesundheitsämtern. Hennig erklärt: „Wenn es in die breite Masse geht, dann muss die Infrastruktur bezahlt werden, zum Beispiel der Rechner in der Bundesdruckerei.“ Dazu kommen unter anderem die Kosten für die Bereitstellung und Wartung der Software des Systems, den Betrieb im Rechenzentrum der Bundesdruckerei und der Telekom und den Service.

Basierend auf Schätzungen des Land Baden-Württemberg könnte die Anbindung von Luca an alle 375 Gesundheitsämter in Deutschland zwischen elf und 19 Millionen Euro kosten. Das Land teilte auf Anfrage mit, es rechne pro Gesundheitsamt mit etwa 30.000 bis 50.000 Euro. Luca komme derzeit in drei Gesundheitsämtern im Rahmen eines Pilotprojekts zum Einsatz.

Thüringen wiederum testet das System derzeit in Jena und plant, die App in allen 22 Gesundheitsämtern einzusetzen. Für die Basisvariante des Systems rechnet das Land auf Anfrage mit Anschaffungskosten von rund 500.000 Euro.

Die Ämter wiederum können für den Einsatz Fördermittel des Bundes beantragen. Das Bundesgesundheitsministerium bestätigte dem Handelsblatt, dass Ansätze wie die Luca-App aus den Mitteln des Pakets für den öffentlichen Gesundheitsdienst finanziert werden können. Baden-Württemberg hält diese Bundesmittel für ausreichend

Einige Bundesländer sehen allerdings auch Hürden für den Einsatz der App. Offen ist etwas die Frage, wie die Daten an die Gesundheitsämter übertragen werden können. Einige Länder fordern dafür eine Schnittstelle zur Software Sormas, die viele Gesundheitsämter zur Kontaktnachverfolgung nutzen, und haben Sorge, dass dies Monate dauern könnte. Luca betont, ihr System sei mit Sormas kompatibel.

Zudem komme die Einführung eines weiteren digitalen Systems zu einem „schwierigen Zeitpunkt“, teilte etwa das Land Hessen mit. Die Gesundheitsämter seien gerade noch dabei, ihre Prozesse auf die Software Sormas abzustimmen, die erst seit Kurzem dort genutzt wird. Darüber hinaus sei Luca „keine Lösung für alle Bürgerinnen und Bürger“. Denn wer kein Smartphone habe, könne die App nicht nutzen. Das Land Nordrhein-Westfalen hält es deswegen für unabdingbar, dass Menschen weiterhin die Wahl gelassen wird, auch die Papierform zu nutzen.

Auch Ingrid Hartges, Hauptgeschäftsführerin des Dehoga-Bundesverbands, erklärt: „Natürlich wissen wir, dass viele Gäste auch weiterhin die Papierform zur Aufnahme ihrer Daten wünschen. Das heißt, unabhängig von den technischen Lösungen muss die rechtskonforme Papierform auch weiterhin möglich sein.“

Keine Diskussion über Datenschutz

Tatsächlich fiel es vielen Gesundheitsämtern in Deutschland schwer, Superspreader zu finden und Cluster zu identifizieren. Auch weil es zu Beginn der Pandemie eine große Debatte über die Einhaltung des Datenschutzes gegeben hatte. Es war nicht gewünscht, dass die Corona-Warn-App des Bundes persönliche Daten speichert oder die Orte, an denen der Nutzer gewesen ist. Deswegen werden dort die Nutzer allgemein über ein Risiko informiert, ohne Informationen zum Ort des Kontakts. Sie müssen sich dann selbst an das Gesundheitsamt wenden.

Die Luca-App löst das folgendermaßen: Alle Informationen – Vorname, Nachname, Telefonnummer, E-Mail-Adresse und Anschrift – werden verschlüsselt, ausschließlich die Gesundheitsämter haben darauf Zugriff. Und sobald ein Amt zugreift, bekommt der Nutzer eine Meldung dazu und kann sich entscheiden, seine Kontakthistorie freizugeben. „Jeder weiß sofort, was mit seinen Daten passiert, und bekommt sofort mit, wenn die Daten abgefragt werden“, sagt Hennig.

Baden-Württembergs Datenschutzbeauftragter Stefan Brink hat die Luca-App bereits geprüft. „Dieses Tool ist eine wertvolle Ergänzung der bisherigen staatlichen Schutzmaßnahmen zur Nachverfolgung von Kontakten während der Pandemie“, sagte Brink.

Die App erfülle die hohen Datenschutzstandards. „Die Dokumentation der erfolgten Kontakte wird auf technisch höchstem Stand verschlüsselt, und es liegt allein in der Hand des Luca-Nutzers, ob, wann und mit wem er diese sensiblen Daten teilen möchte.“ Selbst der Betreiber der App habe keinen Zugriff auf die persönlichen Daten, erläuterte der Datenschützer.

Teilen die Nutzer ihre Kontakthistorie mit dem Gesundheitsamt, kann es so auch herausfinden, ob neben einem Cluster, wie etwa einem Restaurant, auch noch andere Cluster betroffen sein könnten. Durch das Abgleichen mehrerer Corona-Ausbrüche an verschiedenen Orten kann nachvollzogen werden, welche Personen als Superspreader wahrscheinlich mehrere andere angesteckt haben.

Durch die Erkennung von Superspreadern können Menschen in den Clustern, in denen sie sich bewegt haben, schneller und gezielter gewarnt werden. Das RKI empfiehlt für einen solchen Fall, Sofortmaßnahmen einzuleiten, zum Beispiel vorsorgliche Gruppenquarantäne oder Tests unabhängig von Symptomen.

Forderung gibt es schon länger

Schon länger gibt es prominente Vertreter dieses Modells der Cluster-Identifizierung: Überall auf der Welt haben sich Wissenschaftler dafür ausgesprochen. Der Virologe Christian Drosten und SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach haben sich etwa schon im Herbst vergangenen Jahres dafür ausgesprochen und dafür geworben, dass alle Bürger Kontakttagebücher pflegen, damit Cluster schneller erkannt werden und Gesundheitsämter nicht an ihre Grenzen kommen. Auch die Corona-Warn-App des Bundes hat mittlerweile eine Funktion, durch die Kontakte in eine Art Historie oder Tagebuch händisch eingetragen werden können.

Als Beispiel für funktionierende Analysen zog Drosten Japan heran. Das Land hatte es unter anderem durch die Benennung und Identifizierung möglicher Cluster, in denen dann etwa auch besonders viel getestet wurde, lange geschafft, ohne großflächige Lockdowns auszukommen.

Heute betont Lauterbach, die Cluster-Identifizierung werde vor dem Hintergrund der Coronavirus-Mutationen, etwa der britischen Variante B 1.1.7, noch wichtiger: „Mit der Mutation Infizierte sind nicht nur noch ansteckender, sondern auch wahrscheinlich für einen längeren Zeitraum. Damit werden die Cluster noch größer. Deswegen ist es so wichtig, sie rechtzeitig zu erkennen und zu handeln.“

Angesichts der Pläne des Bundes und der Länder für eine neue App zur Kontaktnachverfolgung kritisiert der Obmann der Grünen im Bundestags-Digitalausschuss, Dieter Janecek, Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) scharf. „Die Bilanz der Bundesregierung in Sachen App ist nach einem Jahr Pandemie desaströs“, sagte Janecek dem Handelsblatt.

Die Erkennung von Clustern mit der Corona-Warn-App des Bundes, in denen besonders viele Menschen zusammenkommen, sei „monatelang verpennt“ worden. „Der Gesundheitsminister ist bei der Weiterentwicklung der Corona-App auf ganzer Linie gescheitert.“

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