Greensill-Skandal: Gründer Lex Greensill sagt „sorry“ für Pleite – und schiebt Schuld auf Versicherung

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London „Sind Sie ein Betrüger?“, fragt die Labour-Abgeordnete Siobhan McDonagh den gescheiterten Fintech-Gründer Lex Greensill. „Nein, bin ich nicht“, antwortet er.Die denkwürdige Szene spielt sich am Dienstag in einer Anhörung des britischen Parlaments ab. Erstmals äußert sich der Australier ausführlich zur Insolvenz seiner Firma Greensill Capital vor zwei Monaten. Bei dem dreistündigen Video-Auftritt vor dem Finanzausschuss muss…

Greensill-Skandal: Gründer Lex Greensill sagt „sorry“ für Pleite – und schiebt Schuld auf Versicherung
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London „Sind Sie ein Betrüger?“, fragt die Labour-Abgeordnete Siobhan McDonagh den gescheiterten Fintech-Gründer Lex Greensill. „Nein, bin ich nicht“, antwortet er.

Die denkwürdige Szene spielt sich am Dienstag in einer Anhörung des britischen Parlaments ab. Erstmals äußert sich der Australier ausführlich zur Insolvenz seiner Firma Greensill Capital vor zwei Monaten. Bei dem dreistündigen Video-Auftritt vor dem Finanzausschuss muss er Stellung nehmen zum Vorwurf, Anleger und Steuerzahler um hunderte Millionen Euro gebracht zu haben.

Wie der Fall Wirecard wird die Greensill-Pleite Aufseher, Staatsanwälte und Politiker noch lange beschäftigen. Die britische Finanzaufsicht bestätigte am Dienstag, dass sie zusammen mit den Behörden in Deutschland, Australien und der Schweiz das Ende des Lieferkettenfinanzierers untersuche.

Zum Auftakt der Anhörung im Parlament entschuldigt sich Greensill in einem vorbereiteten Statement bei „allen Betroffenen“. Dazu zählen auch Dutzende deutscher Kommunen, die ihre Ersparnisse bei der Greensill Bank in Bremen angelegt hatten. Als die Abgeordnete Angela Eagle ihn jedoch konkret danach fragt, reagiert Greensill einsilbig: „Ich habe davon in der Presse gelesen.“

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Sonderlich schuldbewusst wirkt der Unternehmer nicht, auch wenn er sagt, er übernehme die komplette Verantwortung für die Pleite. Wiederholt schiebt er die Schuld auf die Versicherung Tokio Marine. Die Weigerung des japanischen Versicherers, die Kreditausfallversicherung für die Greensill-Fonds zu verlängern, sei letztlich der Grund für die Insolvenz gewesen, erklärt Greensill. Die Versicherung habe wegen der Corona-Pandemie die Police nicht erneuern wollen.

Er nutzt die Gelegenheit, um eine Verschärfung der Regeln für Versicherer zu fordern. Aktuell sei es so, dass sie den Versicherungsschutz mitten in der Krise kündigen, wenn man ihn am meisten brauche, sagt er. Das müsse sich ändern.

Abgeordnete kritisieren Geschäftsmodell von Greensill

Sein Geschäftsmodell scheint er weiterhin für grundsätzlich gut zu halten, räumt aber ein, dass zu viele Kredite auf zu wenige Kunden konzentriert waren.

Greensill Capital war in der Lieferkettenfinanzierung tätig. Die Firma streckte Unternehmen Barmittel vor und bezahlte Lieferanten sofort gegen Rabatt. Dann forderte sie den vollen Rechnungsbetrag vom Kunden zurück und steckte den Gewinn ein. Die kurzfristigen Forderungen wurden zudem in Wertpapiere verpackt und Anlegern zum Kauf angeboten. Die größten Fonds mit Greensill-Papieren vertrieb die Schweizer Großbank Credit Suisse.

Als der Versicherungsschutz von Tokio Marine am 1. März auslief, setzte die Credit Suisse die Greensill-Fonds vom Handel aus. Die deutsche Finanzaufsicht Bafin verhängte zudem ein Moratorium über die Greensill Bank. Sämtliche Geldhähne waren zugedreht, das Unternehmen musste Insolvenz anmelden.

Die britischen Abgeordneten zeigen sich in der Anhörung wenig beeindruckt von Greensills Erklärungen. Sie wollen vor allem wissen, ob er nicht ein ausgeklügeltes Schneeballsystem betrieben habe. Denn Greensill verbriefte nicht nur existierende Forderungen, sondern auch zukünftige Forderungen. Oder wie Greensill selbst es formuliert: „Wir haben Echtzeitdaten und historische Daten genommen und daraus Prognosen erstellt, was in der Zukunft passiert.“

Er habe den Anlegern „Wunschdenken“ verkauft, schimpft die Labour-Abgeordnete Eagle. In dem Geschäftsmodell gebe es „keine Transparenz“, kritisiert auch die konservative Abgeordnete Felicity Buchan. Greensill habe de facto ungesicherte Kredite vergeben.

„Ich akzeptiere Ihre Behauptung nicht“, entgegnet Greensill. Die Kredite seien durch reale Forderungen gesichert gewesen. Nur ein Fünftel aller Kredite hätten auf künftigen Forderungen basiert. Den Vorwurf, Anleger über die wahren Risiken getäuscht zu haben, weist er zurück. “Alle unsere Anleger haben genau gewusst, was sie kaufen. Jedes Investment hat ein Risiko.“

David Cameron war bei Greensill fest angestellt

Zu seinem wichtigsten Kunden, der GFG Alliance von Stahlmagnat Sanjeev Gupta, schweigt er sich aus. Der Insolvenzverwalter habe angeordnet, dass er nicht über Kunden sprechen dürfe, sagt Greensill. Gupta sucht derzeit händeringend neue Geldquellen. Seine Fabriken, darunter die von Liberty Steel, beschäftigen 35.000 Menschen auf vier Kontinenten.

Auch nach seinem Verhältnis zu David Cameron wird Greensill befragt. Der frühere britische Premierminister hatte den Fintech-Gründer erst als ehrenamtlichen Regierungsberater in die Downing Street geholt. Nach seinem Ausscheiden aus der Politik war Cameron dann Mitarbeiter von Greensill geworden.

Cameron sei als Berater fest angestellt gewesen und habe regelmäßig als Gast an Board-Sitzungen teilgenommen, sagt Greensill. Der Ex-Regierungschef habe ihm bei der Expansion in hundert Länder mit „geopolitischem Denken“ geholfen. Auch habe man die Bekanntheit der Marke Greensill steigern wollen.

Zu Beginn der Coronakrise hatte Cameron zudem bei der Johnson-Regierung intensiv Lobbyarbeit geleistet. Er wollte Greensill Zugang zu den Corona-Kreditprogrammen des Staates verschaffen.

Laut einer Liste des Finanzausschusses ist Cameron insgesamt 56 Mal bei Ministern und Beamten vorstellig geworden – mit Textnachrichten, Telefonaten, E-Mails und persönlichen Treffen. In einer Textnachricht an seinen früheren Untergebenen, Finanzstaatssekretär Tom Scholar, bezeichnet er Greensill als „meinen neuen Freund“.

Cameron beteuert, keine Regeln gebrochen zu haben. Doch hat der Skandal in London neue Fragen nach der Nähe zwischen Politik und Wirtschaft aufgeworfen. Die Abgeordneten werden den Ex-Premier bald selbst zur Rede stellen können: Am Donnerstag kommt er zur Anhörung in den Ausschuss.

Mehr: Deutsche Kommunen fordern 145 Millionen Euro von Greensill Bank.

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